start: am new-order bass kämpft michael kemner vergebens gegen die trübe struktur des titelstückes. die texte beziehen sich ab hier auf massig schon gesagtes von überall und früher.

stück 2: wieder auf bass aufgebaut, meint: melodielose trinkermelancholie erblüht ungelenk, „alles ist gut“ kommt in den lyrics vor (irrtum, macht aber nichts, kommt erst im 3.), es wird noch peinlicher: generationen von schlagworten fallen aus janie wie kleingeld: „wahnsinn wahnsinn: alles ist gut, fussball“.

flanger auf der gitarre ersetzt auch 2010 nichts notwendiges.

wenn hein das wort „einheitsbrei“ singt, stimmt und passt synchron für 1 sekunde wirklich alles perfekt.
„1000 tränen die dich lähmen“, - xavier naidoo wäre vielleicht neidisch, aber sonst…„das tut dir gut“.- piep piep (o-ton).

dann daf-sequenzer höchstpersönlich. die fehlfarben haben weder hemmungen, noch ideen, sondern den pyrolator am keyboard, - das kann er also auch, - es soll wohl humor sein, - die snare drischt, und die akkorde von „fade to grey“ wallen vorüber. ein tag verfliegt ist man verliebt (uuuhh uuuhh, we fade to grey…) - uga uga!

dramatische effekte sollen hinwegtrösten über die fehlende notwendigkeit dieser platte. ist das immer noch das zweite stück? nein, schon das dritte.

„ausgesaugt + ausgelaugt, ausgeraucht“ ist das vierte: unmotivierte clap-machine zu einer art zirkusmusik mit heavy-refrain. der text ist unsäglich banal und auf seine eigenen schlagworte eingebildet.

fremd riskieren…stück 5: kaum zu glauben, dass das uwe jahnke sein soll, an der gitarre. hein singt was von krise und das führt zu einem sich halb reimenden blabla, ab und zu wechselt die melodie in moll, weil sonst keine idee in der luft liegt…didi-di da…„eiskrem..kennstu das gefühl von eiskrem und sonnenöl? - kannst du wieder stehn???“ - ich glaube akustische halluzinationen zu haben und die schlagzeugerin trommelt wie ein aufgezogener affe dazu.

kittelrein steril ist der glanz, den diese grundlos erzeugte pathetische plastikmucke 30 jahre nach dem grauschleier ausstrahlt, durchzogen vom toten faden ihrer bildzeitungsschlagzeilentexte, die allesamt altbacken retrospektiv und agitatorisch daherkommen, - was mich zu einer these zurückbringt, die ich seit langem hege, und die besagt, dass textgewichtige deutsche musik sich primär an die nicht-leser von „echter“ literatur wendet, und ähnlich wie pornografie, in 1. linie für alleinstehende ältere oder ausgegrenzte säcke produziert wird, die sich damit kontakt zum „real thing“ verschaffen.

das ist eine traurig-tröstliche erklärung für das bedrückende gefühl, das mir beim hören dieser acht stücke nicht mehr von der seite weicht. da hilft auch nicht, dass die konkurrenz auf diesem sektor womöglich noch tiefer schläft, - anstatt mal ein gutes buch zu lesen, - was ich hiermit jedem ans herz lege, der sich von den fehlfarben repräsentiert oder angesprochen fühlt und den geldbeutel oder das hirn oder die leber oder alles zusammen gewohnheitsmässig damit schädigt.






nsa, Sonntag, 21. Februar 2010, 20:10
Hehe, das mit der Pornographie ist sehr gut. Aber aber ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren das du da irgendwie sehr persönlich angepisst bist. Die Texte (und Musik) waren doch damals auch nicht wirklich besser, oder? (Bitte, ich möchte mir jetzt den alten Scheiss nicht nochmal anhören müssen) Btw. würde mich aber schon interessieren welche aktuelle deutschsprachige Band deinen Anforderungen halbwegs gerecht wird.
Besonderes Lob für den streaming-Mix :-)

ostrich, Sonntag, 21. Februar 2010, 20:27
persönlich ist das eine der seltenen gelegenheiten, wo ich froh bin, unfreiwillig früh mit der musik aufgehört zu haben. bevor mich kommerz und grössenwahn ergreifen konnten und vor allem, bevor mich irgend etwas ausser dem erfindungs-oder-spieltrieb dazu drängen konnte, musik zu veröffentlichen.

ich kenne keine aktuelle deutschsprachige band, die mich vom hocker wirft. aber ich kenn da nicht viel und erwarte null. es gibt garantiert einige, die auf jeden fall interessanter als fellfarben und experimenteller als daf sind.

besonders erscheinen mir tocotronic chronisch überbewertet, genauso blumfeld und mutter.
ich bin musikalisch ausgesprochen a-patriotisch + stolz darauf :-)

nsa, Sonntag, 21. Februar 2010, 20:51
Du solltest Tocotronic mal remixen. Die lassen sowas regelmäßig machen. Wie du dir sicher schon denken kannst mag ich die ziemlich gerne und die waren auch mal (anno1995) durchaus angenehme Gesprächspartner. Ob sie jetzt der Größenwahn ereilt hat kann ich nicht sagen. Damals haben sie vor 30 Leuten gespielt und ich habe da viel (Erfolgs)Potential gesehen. Von Blumfeld mochte ich einige ausgewählte Sachen und Mutter habe ich seit Ewigkeiten nicht mehr gehört. Berufsmusiker sein zu müssen ist meines erachtens ein Scheissjob. Geld verdienen zu müssen und dabei künstlerisch unbefleckt zu bleiben sind Dinge die sich in meinen Augen so gut wie ausschliessen.

ostrich, Sonntag, 21. Februar 2010, 21:28
diese ganzen hypes hab ich bei 70er reggae und pere ubu verschlafen. 95 kannte ich ausser lucylectric nix deutsches mehr.

ich wäre im original unbefleckten bestzustand, um einen verriss über das mir unbekannte neue, allerorts höchstgelpriesene tocotronic-album zu schreiben, weil ich wirklich nicht 1 stück von ihnen bewusst kenne. mein hass gründet sich eher auf den grünschnäbeligen zuspruch den sie ca 2002 überall bekamen. damals hab ich 1 ohr auf sie geworfen und war durch die vielen guten kritiken aufs höchste gespannt und wurde bis in die fasern davon enttäuscht, ohne dass etwas anderes als pauschale unoriginalität in ton + text in meinem gedächtnis gespeichert blieben, weil sie einfach zu unmelodiös waren, um sich 1 stück zu merken.

aber es ist wie beim fussball (zusehen ist langweilig, aber spielen macht spass...): remixen wäre wahrscheinlich fun-
allerdings nur inkognito ;-) sonst hält man mich noch für ehrgeizig, und ich verliere meine loser-credits dabei...

nsa, Sonntag, 21. Februar 2010, 23:14
Mich hat immer Interessiert wie es weitergeht, besonders die Sachen aus heimischen Landen. Nicht weil sie besonders gut sind sondern eher weil ich hoffe das sich hier etwas ähnliches wie eine Musiktradition herausbildet. Bei aller Kritik, man sollte die Latte nicht zu hoch hängen, sonst kommt keiner mehr drüber. Die klassische Rock und Popmusik ist in D eine öde Wüste und in solcher Umgebung ist jede Oase erstmal Naturschutzgebiet, auch wen da nur ne Krüppelpalme wächst. Aber wir können ja für das nächste Wochenende den Tocotronic Verriss ankündigen...bringt Quote!!

ostrich, Montag, 22. Februar 2010, 01:39
ich häng die latte bei deutscher musik nach dem, was ich mag:
groove originalität und humor.
unbedingtüberholenwollen und genialitätsansprüche sind langweiliger krampf.
eine persönliche schwäche habe ich für obskures, absurdes und fantasievolles, intellektuelle musik (besonders texte) ist mir 1 greuel.
und ich hasse den mainstream, das ist fast das einzige, was sich seit ich 17 war überhaupt nicht verändert hat.

ostrich, Sonntag, 21. Februar 2010, 20:10
am kaminfeuer, in wohliger wärme, schlummert man ein, sagte mercier. das buch fällt aus den händen und der kopf auf die brust. die flammen sinken zusammen, die glut verglimmt, der traum quillt und rinnt zu seinem weideplatz. aber der aufpasser gibt acht, man erwacht und legt sich schlafen, gott dankend für den sauer verdienten zustand, der solche freuden beschert, unter so vielen anderen, einen solchen frieden, während wind und regen die fensterscheiben peitschen und das denken als reiner geist inmitten der obdachlosen, der unbeholfenen, der verdammten, der schwachen und der benachteiligten herumirrt.
weiss man überhaupt, was der andere gemacht hat, sagte camier, in der zwischenzeit?
wie bitte? sagte mercier?
camier wiederholte seine bemerkung.
selbst wenn man beieinander ist, sagte mercier, wie wir es nun sind, während wir arm in arm und hand in hand im gleichschritt gehen, geschehen jeden augenblick mehr dinge, als ein dickes buch, zwei dicke bücher, deines und meines, enthalten könnten. eben diesem übermass verdankt man vielleicht das wohltuende gefühl, dass nichts, nichts zu machen, nichts zu sagen ist. denn der mensch wird es schliesslich müde, seinen durst am feuerwehrschlauch stillen zu wollen und zu sehen, wie die wenigen kerzen, die er noch hat, nacheinander unterm sauerstoffbrenner zerschmelzen. also ergibt er sich ein für allemal dem dürsten und der finsternis. das ist weniger aufreibend. aber verzeih mir, es gibt tage, an denen wasser und feuer meine gedanken durchdringen, und folglich auch meine äusserungen, in dem masse, wie es einen zusammenhang zwischen diesen beiden gibt.

aus
mercier und camier
von samuel beckett

nsa, Sonntag, 21. Februar 2010, 20:13
Schluck

ostrich, Sonntag, 21. Februar 2010, 20:29
keine angst, ich singe es ja nicht...

ostrich, Sonntag, 21. Februar 2010, 21:13
Beckett? Hier im Ostrich? Ich fasse es nicht.

ostrich, Sonntag, 21. Februar 2010, 21:31
ja was denkst du denn?? - etwa harry potter???

ostrich, Sonntag, 21. Februar 2010, 21:38
das ist modern. selbergemachtes myspace, sozusagen. da sind doch auch napoleon und madonna überall als freunde vertreten. nur haben wir hier in dieser bruchbude nicht mal platz für ein bild im kommentarfach.

ostrich, Sonntag, 21. Februar 2010, 23:52
Harry Potter Zitate wären natürlich auch toll. Hat den Quatsch eigentlich überhaupt jemand gelesen? Die Dame steht demnächst ja mal wieder vor Gericht, weil der erste Band ein Plagiat sein soll von irgend einem anderen Zauberdingsbumsbuch.